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TRANSFORMATION, TRANSITION UND EINE IDENTITÄT IM WANDEL

Seit 2022 steuert das Bolzano Film Festival Bozen mit einer neuen Ausrichtung und einem neuen Vorstand auf die kommende Ausgabe im April 2024 zu, mit dem Wunsch, die Besonderheiten eines Gebiets wie Südtirol neu zu entdecken.  Diese Transition ermöglicht ein Überdenken des Festivals in seinem lokalen, ebenso wie regionalen, nationalen und internationalen Kontext. Es geht darum die Identität des Festivals auszuloten, sich seiner Gegenwart zu stellen und sich zu fragen, wie seine Zukunft wohl aussehen könnte. Es geht darum Antworten auf sehr viele Fragen zu finden, wobei man sich doch auf ein paar essentielle Überzeugungen stützt.

Welche Möglichkeiten könnten entstehen? Welche Funktion hat ein Filmfestival heutzutage? Oder besser, welche Funktion haben Festivals kleiner und mittlerer Dimension? Welche Beziehung entsteht zu dem Gebiet, in dem es stattfindet, und zur Stadt? Es gibt keinen Neustart für ein Festival ohne neue Antworten auf diese Fragen.

Feststeht, dass ein Festival im aktuellen zeitgeschichtlichen Moment, in welchem die audiovisuelle Welt einem ständigen Wandel unterliegt, nicht bloß aufgrund einer starken Identität Erfolg haben kann. Es muss zu etwas Einzigartigem werden. Es muss eine Veranstaltung sein, auf welcher alle sich beteiligten Personen wohlfühlen, das Publikum, ebenso wie die Mitarbeiter*innen und Fachkräfte. Es muss sich um einen angenehmen Moment handeln, um kulturelles, künstlerisches, professionelles und menschliches Wachstum. Natürlich sprechen wir hier von einem Entwicklungsprozess, welcher nicht innerhalb des ersten Jahres seiner Existenz abgeschlossen werden kann. Wie verwirklicht man diese Ziele? Daran arbeiten wir.

Aber was bedeutet es heute, für ein Festival von Identität zu sprechen? Identität, Funktion, Ziele, geografische Einordnung, lauter Organismen, die nicht statisch sein können, sondern in ständiger Bewegung sind. Die Erkenntnis und Auseinandersetzung mit der eigenen Welt erfolgen notwendigerweise im Dialog, in der Auseinandersetzung mit fremden Welten, mit dem Außen.

All dies geschieht auch im Kino, in der filmischen Erzählung, wo sich zahlreiche Filme von lokalen Realitäten, die offensichtlich erscheinen mögen, entfernen und sich der Welt, den Welten öffnen. Auch im Kino vermischen sich also zunehmend Identitäten, Interessen, ethnische Besonderheiten, die sich einer einfachen Kategorisierung entziehen.

Wie soll das Festival neu erfunden werden? Worin liegt sein Potential? Welche Bedeutung wird die Verbindung zum Territorium/den Territorien spielen?

Zweifellos hat das BFFB bereits eine lange Geschichte hinter sich und verfügt über eine eigene Filmidentität, die untrennbar mit der Stadt, der Region und dem weiteren Umfeld verbunden ist, in dem es entstanden ist und sein Publikum gefunden hat.

Die Einzigartigkeit dieses Gebiets, ebenso wie seine Komplexität, die Dialektik zwischen dem Lokalen und dem Globalen, zwischen der Notwendigkeit, das Land nicht zu vergessen, und der Notwendigkeit, sich auch in einem internationalen Kontext neu zu erfinden, bilden das große Potenzial, die große Chance eines künftigen BFFB. Ein Raum mit mehreren, auch gegensätzlichen Identitäten kann nur eine (sicherlich) lokale, aber auch (vor allem) internationale Berufung haben.

Das BFFB muss also ein Festival sein, das in der Lage ist, mit anderen (lokalen und nicht unbedingt lokalen) Realitäten und Inhalten einen Dialog aufzubauen. Mit anderen Festivals in Italien (aber nicht nur) oder im deutschsprachigen Raum, zum Beispiel. Mit anderen regionalen Realitäten außerhalb Südtirols. Mit europäischen Institutionen. Im Kontext des kulturellen, aber auch des strukturellen/wirtschaftlichen Wachstums.

Kino? Natürlich! Können wir auch von einem Festival der städtischen Vernetzung sprechen?

Die Stärkung der lokalen Identität, der Verwurzelung im Territorium und des sorgsamen Dialogs mit der Welt erfolgt notwendigerweise durch die intensive und weitere Zusammenarbeit mit verschiedenen lokalen Institutionen und Initiativen. Auch mit völlig unterschiedlichen. Ich beziehe mich nicht auf jene Institutionen, die leidenschaftlichen Partner, die es dem BFFB weiterhin erlauben zu existieren und zu wachsen. Ich beziehe mich auch auf die diversen kulturellen Angebote und Institutionen Bozens, im Bereich der Musik und des Tanzes zum Beispiel, oder das Theater. Kooperationen, die von unschätzbarem Wert sein können und enorm wichtig sind, um ein Filmfestival zu einem „Ort“ zu machen, zu einem Moment, der auch hybrid ist.

Mit welchen Einrichtungen wird das Festival in ständigem Dialog stehen? Wird sich das Festival mit existierenden und entstehenden Filmen befassen?

Qualität der Inhalte, Unterstützung durch die Institutionen und Partner, Aufmerksamkeit und Wachstum des Publikums: ich stelle mir ein Festival in Bozen und Umgebung (auch während des Jahres) vor, ein Festival, das vom Filmclub ins Leben gerufen und geleitet wird, als Teil eines Filmhauses. Ein virtuelles, aber gleichzeitig reales Konstrukt mit einem starken Fundament, das aus leidenschaftlichen Institutionen besteht, die miteinander im Dialog stehen: dem BFFB natürlich, die IDM / Film Commission Südtirol, die Filmschule ZeLIG, ebenso wie eine enge Zusammenarbeit der Universität – anerkannte und angesehene Institutionen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene. Ich sehe das BFFB als einen Treffpunkt, der verschiedenen Bedürfnisse nachkommen kann. Ein Festival (nicht nur) für Enthusiast*innen von Film und Audiovisuellem, sondern auch für Fachleute, für diejenigen, die das Kino als Wunsch und Perspektive, als Ausdrucksbedürfnis und auch als ihren Beruf betrachten. Ein Projekt, das sich bereits in der Umsetzung befindet.

Sich mit Kino zu befassen bedeutet, sich mit bereits Existentem zu befassen, aber auch mit dem, was gerade entsteht, was noch kommen mag. Ein Festival, das der Branche Aufmerksamkeit schenkt. Wirtschaft, Unternehmen, lokale Institutionen, die sich dank internationaler und lokaler Aktivitäten neu positionieren. Ein Festival, das die Beziehung zu den Filmschaffenden nicht vergisst. Auch die Filmkritik und ihre Entwicklung nicht.

Welche Art von Kino steht im Mittelpunkt des Festivals? Wird auf seine diversen Ausdrucksformen geachtet? Auf seine Geschichte? Welches Verhältnis wird zwischen dem Publikum und dem Festival bestehen?

Die künstlerische Identität des derzeitigen und zukünftigen BFFB? Auch in Bezug auf das Programm wird das Festival seine lokale Identität nicht aufgeben, nicht zuletzt, weil es sich um ein Festival handelt, das aufmerksam auf die Entwicklungen des Kinos der verschiedenen angrenzenden Alpenländer achtet.

Ich bin der Meinung, dass sich das BFFB mit zeitgenössischem Kino beschäftigen sollte. Es sollte aufmerksam und neugierig sein, fähig, die Gegenwart und die Zukunft dieses Universums an bewegten Bildern, Klängen, Tönen und Formen zu beobachten und einzubeziehen. Es sollte auch im Wettbewerb das gesamte Kino berücksichtigen, ohne es notwendigerweise als Fiktion, Dokumentarfilm und alles, was sich zwischen diesen imaginären Polen bewegt, zu bezeichnen. Es soll ein breites Publikum ansprechen, ohne dabei auf eine starke künstlerische Identität und ein tiefes Interesse an den Sprachen des Kinos zu verzichten. Und dass es auch in naher Zukunft die Geschichte des Kinos nicht vergisst: über die Geschichte des Kinos zu sprechen bedeutet auch, über die nahe Vergangenheit zu sprechen, es bedeutet, konsequente Hommagen, und wichtige Retrospektiven zeitgenössischer Autor*innen vorzuschlagen.

Das BFFB muss durch sein Programm erkannt werden, durch die dadurch entstehenden Beziehungen, in der Lage, die gesamte Identität des Festivals durch den Dialog zwischen den einzelnen Komponenten zu betonen.

Territorium, Kino, Grenzen, Minderheiten, Kontaminationen: Wird es ein Festival sein, das zum Dialog mit ähnlichen und parallelen Universen fähig ist?

Die Weiterentwicklung der bisherigen Identität des Festivals bedeutet sicherlich auch, sich weiterhin mit einem Kino der Grenzen zu beschäftigen, einem universellen Kino der kulturellen und geografischen Komplexität. Ein Kino der Minderheiten, aber auch der kleinen Sprachen, auf europäischer und internationaler Ebene. Ein Kino von Kontaminationen, von Staatsbürgerschaften und Identitäten in Bewegung. In diesem Jahr wird auch das überraschende Kino des spanischen Galiciens im Mittelpunkt stehen. Dabei vergessen wir nicht, dass Grenzen auch jenseits der Geographie existieren können. Sie können durch das Genre, die ethnische Zugehörigkeit, die wirtschaftliche Kapazität und die Komplexität der intersektionalen Struktur diktiert werden.

Ein Festival, das in einer dynamischen Grenzregion geboren und aufgewachsen ist und daher zum Dialog mit vielleicht noch schwierigeren, vielleicht ganz anderen Paralleluniversen fähig ist. Ein Dialog mit Paralleluniversen, der heute unverzichtbar ist und bereits stattfindet, auch oder gerade im Kontext des Kinos der Zukunft, denn darum geht es im zeitgenössischen Kino immer öfter.

Kino als Ort… Kino… ein Begriff von enormer Bandbreite

In vielen Sprachen ist der Begriff, der das filmische Werk und den Ort der Vorführung, des Genusses dieses Werkes definiert, identisch: im Italienischen ist das Kino ein Ort, aber auch „die Kunst des Kinos“. Im Deutschen wird dasselbe Wort verwendet, um einen Ort, ein Kino, zu definieren, aber wie im Italienischen auch „das Kino“, Kino als Kunst, als Erzeugnis, kulturell, industriell, künstlerisch.

Veranstaltungen und der Wunsch nach Festivals, “ Audience Strategies „… wie soll das Verhältnis des zukünftigen BFFB zu seinem Publikum und zum “ Kino als Ort “ definiert werden?

Ich beharre auf die Notwendigkeit, fesselnde Veranstaltungen und einen intensiven “ filmischen und hybriden Ort “ zu schaffen, der in der Lage ist, eine starke Beziehung zum Publikum zu entwickeln. Wir arbeiten an Strategien für das Publikum, die den Besonderheiten des Landes und der Territorien des Festivals Rechnung tragen. All dies wird für die Festivalwelt immer wichtiger werden. Natürlich kann die Beziehung eines Festivals zu seinem Publikum nicht passiv sein.

Es sind die Festivals, die in den letzten Jahren direkt oder indirekt die Definition KINO ALS ORT gefördert haben. In den Jahren des voranschreitenden Streaming – das niemand verteufeln will, Streaming muss auch als enorme Chance zur Förderung der Filmkultur gesehen werden – muss der Kinoraum aufgewertet, neu belebt, neu interpretiert werden. Ein Ort von enormer kultureller, menschlicher und soziologischer Bedeutung. Ein grundlegendes Element des urbanen Gefüges der Stadt und des Gebiets. Ein Ort, an dem das Kino, ein Filmfestival zu einem Treffpunkt, zu einer gemeinsamen Erfahrung wird.

Ganz allgemein: Wie sollten Festivals, insbesondere kleine und mittlere, neu gedacht werden? Was ist und wird ihre Funktion sein? Wie kann die „Marke“ des künftigen BFFB aufgebaut werden?

Festivals jeder Größe neu zu denken bedeutet, sich dieser unersetzlichen Identität bewusst zu sein. Vielleicht sind es gerade die kleinen und mittleren Festivals, die diese faszinierende Chance nutzen können. Festivals, oder besser gesagt, das Netz der Festivals in seiner Komplexität, sind längst – noch vor dem Aufkommen der großen Streaming-Plattformen – zu einem alternativen Vertriebsweg zu dem des traditionellen Kinos geworden – zum größten Teil abhängig von den Entscheidungen der Verleiher und des Weltvertriebs. Orte, an denen man bedeutende Werke sehen kann, die oft nicht vertrieben werden. Das künftige BFFB muss sich auch dieses wichtigen politisch-kulturellen Faktors absolut bewusst sein. Ein Festival, das auf einer profitablen lokalen Struktur basiert und dank einer starken und spezifischen Programmierung auch international wachsen kann, indem es in einen Dialog mit den verschiedensten Filmschaffenden tritt.  Indem es seine eigene „Marke“, seine eigene Positionierung innerhalb der internationalen Festivalszene schafft. Ein Festival, bei dem es keinen Platz für irgendeine Art von Diskriminierung gibt, ein Festival, das vom Reichtum der Vielfalt überzeugt ist und alle einschließt. Aktiv und nachhaltig auch in seiner Art, das Kino und das Kino der Zukunft zu fördern.

 

Vincenzo Bugno, künstlerischer Leiter BFFB